Dienstag, 20. Januar 2026

Mickey Rourke & Charles Bukowski

Mickey Rourke ist ein amerikanischer, einst sehr erfolgreicher Schauspieler, der ziemlich herun-tergekommen ist. So jedenfalls beschreiben ihn etliche Zeitungen und Magazine. Im September wurde er 73 Jahre alt. Rourke wirkt auf neueren Fotos alt und müde, nicht mehr star-like. Angeblich habe er riesige Mietschulden angehäuft, könnte vielleicht bald auf der Straße landen. °° Charles Bukowski, ein berühmter und vor Allem in Deutschland verehrter Dichter, starb 1994 im Alter von 73 Jahren.

Was haben die beiden gemeinsam? Wenig - oder doch einiges. Nicht ohne Grund wurden sie von mir auf ein und dieselbe Grafik plaziert. Denn beide sind bzw. waren Helden. Aus unterschiedlichen Gründen. Underdogs. Außenseiter. Dabei war Rourke viele Jahre das Gegenteil: Bewundert, beliebt, "dick im Geschäft", angehimmelt von vielen Frauen. Bukowskis erster Gedichtband, den ich Anfang der 70-er Jahre kaufte, hieß: "Gedichte, die einer schrieb, bevor er im 8. Stock aus dem Fenster sprang". Es erschien im MARO-Verlag.Der Dichter Bukowski sinnierte vom Suizid, aber er tat's nicht. Und Rourke? dachte velleicht auch schon mal daran. Aber hat sich durchgeboxt. Er war immer ein zäher Kerl, der sich nicht leicht umhauen ließ. Und er stand auch TATSÄCHLICH etliche Male im Ring: Und zwar bestritt er, als er Probleme im Film-Geschäft bekam, mehrere PROFI-Boxkämpfe. Die meisten davon efolgreich.
Zwei souveräne Typen.
Mein Respekt. 
Über Bukowskis Grab wächst heute Unkraut. 
Mickey Rourke wünsch ich ALLET JUTE, wie man in Köln so schön sagt. Es gibt immer wieder Fighter, die sich nicht endgültig geschlagen geben. Rourke ist so einer. Ich wünche ihm noch viele Jahre Kampf, Spaß, Erfolg, Unabhängigkeit... 
                                                                                   Raimund Samson 

Donnerstag, 1. Januar 2026

Ilse Gräfin von Bredow "Denn Engel wohnen nebenan"

 Was tut man nicht, um der Langeweile zu entkommen! Ein Bild malen ... aus dem Fenster schauen... eine Tafel Schokolde öffnen ... Ich bin wählerisch. - Diesmal nahm ich ein Buch aus einem großen Korb gebrauchter und zu Spottpreisen angebotener Bücher. Die Autorin: Ilse Gräfin von Bredow. Den Namen hatte ich noch nie gehört - oder, wenn doch, beiseite geschoben. Eine Gräfin?! Ich bin kein Linksradikaler mehr, aber ich hege immer noch, wenn auch schwächer werdend, Vorurteile gegen die Vertreter bestimmter Klassen.  ° Noch im Bus  begann ich zu schmökern.

Ich bin anspruchsvoll bei der Lektüre von Erzählungen und Romanen. Ich achte auf stilistische Eigen-arten, bin empfänglich für Bildsprache, Spannungsaufbau, kleine oder größere Überraschungen ... und das Ganze wohldosiert bitte! Auf den ersten Seiten hatte ich das Gefühl, in einen zu dicht erzählten, mit Bildern übervölkerte Stoff geraten zu sein, aber ich las weiter. Zum Glück. Neugierig. Mir begann das Buch zu gefallen. Immer besser zu gefallen. "Denn Engel wohnen nebenan" ist ein Roman der Ver-treibung durch die Russen im WKII, also eine gewisse politiache Konstellation spielt im Hintergrund. Gott sei Dank nur im Hintergrund. Mir gefiel die Lebendigkeit in der Schilderung persönlicher Erleb-nisse, immer eingebunden auch die Geschwister und andere Familienangehörige der, ja tatsächlich!, echten Gräfin Ilse von Bredow. Die Frau konnte schreiben...! Unterhaltsam und präzise in der Information. ° Ihren Lebensunterhalt verdiente sie hauptsächlich als Journalistin in Hamburg. U.a. schrieb sie für das Abendblatt. I.G.v.B. starb 2014 im Alter von 91 Jahren. Das Buch erschien erstmals 1995 im Scherz-Verlag, 255 S., isbn 3-502-11076-x

                                                                                                   Raimund Samson

Montag, 29. Dezember 2025

Über Bob Dylan

Und noch ein Buch, das ich nicht bis zu Ende las: "Bob Dylan" von Tino Markworth. Erschienen in der Reihe rororo  monographien, d.h. in der legendären Taschenbuch-Sparte des hochangesehenen Verlags. °° Dylans Songs habe ich oft gemocht, zB "Like a rolling stone", "Rainy day women # 12 and 35", "I want you", "Just like a women", "Lay lady lay", also Lieder aus den 60-er Jahren.  Einen seiner berühmtesten Songs, " Blowin in the wind", mochte ich nie. Das ist natürlich auch Geschmackssache. Ich brauche einen besonderen Kick, um FAN zu sein.  

Nun möchte ich nicht den Eindruck erwecken, ich hielte das Buch für schlecht geschrieben oder un-interessant. Im Gegenteil! Ich werde zB in den Darlegungen darauf gestoßen, daß Dylan ein Dichter, Künstler, Musiker, Maler ist, der im Laufe seiner Anfang der 60-er Jahre begonnenen Karriere sich immer wieder neu erfunden habe. D.h., er hat immer wieder die soziale Rolle, in die er seine Songs, Auftritte, Austellungen packte, leicht oder, je nach Ansichtsweise, stark verändert. Dies drückt sich im Statement von Joni Mitchell so aus: "Bob ist überhaupt nicht authentisch. Er ist ein Plagiator, und sein Name und seine Stimme sind unecht. Alles an Bob ist ein Schwindel" -Los Angeles Times 22.4.2010 --- Diese Meinung überrascht mich. Es wird aber etwas, vielleicht sogar viel, Wahres daran sein. Es ist natürlich nicht entscheidend, um Musik und Texte zu mögen. Der englische Musiker-Sänger van Morrison behauptete 1986, Dylan sei "der größte lebende Dichter". Diese Behauptung ist m.E. Blödsinn. Sie wird auch dadurch nicht wahrer, daß Dylan 2016 den Literatur-Nobelpreis erhielt.  °°°° Ob Plagiator - Genie - großer Dichter oder welche Attribute sonst noch auf Bob Dylan gemünzt werden: Ich für meine Person kann von dem Mann einiges lernen. Und irgendwann lese ich das Buch vielleicht zu Ende und finde dann die Situation, in der B.D. vom jüdischen zum katholischen Glauben konver-tierte.     rororo monografie isbn 978 3499 505607   2011,  8,99 € 

                                                                                                                    Raimund Samson


 

Jhamala Katharina Goerttler : WELTEN

Untertitel: WEG VON DER PSYCHOSE

"Was für eine tolle Idee", denke ich: Eine Frau lässt sich psychiatrisch behandelnn, weil sie sich für krank hält und  -ein Symptom- Stimmen hört. Wie hilfreich könnte ein Buch sein von einer, denke ich, welche die von Angst und Schrecken geprägte Institution Psychiatrie von Innen heraus erlebt. Und sodann mit einem hohen Maß an Kompetenz darüber schreibt. Kritisch.

"Sie hat das Gefühl, jemand anderes steuert und lebt ihr Leben. Sie fühlt sich um ihr bisheriges Leben betrogen. Sie fühlt, daß es in ihrem Leben gar nicht um sie geht", lese ich auf der Buch-Rückseite. ::: Was für viel versprechende Sätze! Allein in Hamburg gibt es tausende, nein: zigtausende Menschen, die sich um ihr Leben betrogen fühlen. Die das Gefühl haben, daß es nicht um sie gehe. ... & weiter in diesem plotartigen Stil: "Schritt für Schritt taucht die Autorin in ihre bisherigen Lebenswelten ein und transformiert sie." Liest sich interessant; bisherige "Lebenswelten ... transformiert..." ?? ° Solche Sätze machen nugierig. Ich bin gespannt, aber auch skeptisch. Ich selber habe, supersensibel, eine lange Geschichte mit psychischen Ängsten hinter mir, in der ich viele Wege versuchte und teilweise ging. Dabei haben mir immer wieder Dichter-innen und Schriftsteller, aber auch bildende Künstler-innen, Musiker, Filmemacher Anregungen gegeben. ° Also begann ich, das Buch von vorne zu lesen. Und stolperte gleich über den ersten Satz: "Krankheiten sind dazu da, sich selbst besser verstehen zu lernen". Solch eine Behauptung könnte ich mir als Resümee vorstellen - aber als Anfang? Ich lese weiter. Die Erzählungen einer Autorin, die offen- oder schein-bar sehr klug ist - und zielstrebig, leider auch pedantisch, innere wie äußere Vorgänge beschreibt. °°° Ich lese und lese ... bis Seite 79. Plötzlich fühle ich mich gelamgweilt.  Angeödet. Und mir fällt der Spruch eines weltberühm-ten Dichters ein, der einst zu Papier brachte: "Man spürt die Absicht und ist verstimmt" Das Buch hat mehr als 230 Seiten. Die Sprache kommt mir auf Dauer eintönig vor, eingleisig. Was ich auf 79 Seiten lese, lässt sich, ohne Substanz-Verlust, auch auf 7-9 Seiten schreiben, denke ich. °°° Mir fehlen allgemeinere Statements zur Situation psychisch Kranker in diesem Land. Ich habe täglich mit der Problematik zu tun. Leider kreisen die Erzählugen von Frau Goerttler allein um ihre eigene Geschichte. Die darauf hinausläuft, daß sie, angeblich, seelische Leiden heile. Der Text auf der Rückseite des Buchs endet mit dem Satz "Jhamala heilt". Die Frage ist nur: Wen?  Ein Buch kann sensibilisieren ... Anregungen geben. Ich bezweifle, daß die Autorin J.K.Goerttler andere Menschen heilt. °° Siehe auch diesen meinen Blog: http://raimundsamsonkreativ.blogspot.com/2025/09/psycho-day-2018-2025.html

°° Verlag "Glücksuniversum"  232 S., isbn 978-3-949536-27-4   30,18 € -Amazon- 

                                                                                                  Raimund Samson
   

Mittwoch, 24. Dezember 2025

Orgelkonzert, Hamburg Michel 23.12.

Die Kirche brechend voll: freundliche Damen wiesen den Besucherinnen, meist Menschen in "gesetz-tem Alter" wie der Autor dieser Zeilen (73 ), den Weg zu den reservierten Stühlen und Bänken.

Im Programm: Stücke von Bach, Buxtehude, Franz Xaver Murschhauser, Carl Sattler, Messiaen, Alois Mack, Claude Daquin, Jules Grison, Max Reger und Margaretha Christina de Jong *1961, die einzige jetzt lebende Komponistin. An der Orgel: Magne H. Draagen. Der Mann versteht sein Handwerk. Es gehört einiges dazu, während rund 75 Minuten auf 4 verschiedenen Orgeln Stücke sehr unterschied-licher Komponisten fehlerfrei zu spielen. An der Variationsbreite habe ich nichts auszusetzen, wohl aber an der Intensität des Spiels. Auch meine Begleiterin fand das Spiel insgesamt "verhalten", wie gebremst ... auch wenn es ein paar lautere Passagen gab.
20 € kostete der Eintritt auf Theater-Abo-Karte. Ich schätze mal, daß 800 oder mehr Gäste die Ver-anstaltung besuchten. Im Programmheft war ein Hinweis abgedruckt, daß sowohl Ton- als auch Video-Aufnahmen und Fotografieren verboten waren. Ein Sprecher wiederholte dies in seiner Ansage. Mich störte dies. Alle reden davon, daß Weihnachten immer kommerzieller wird. Und sieh: Künstler, Kirchen und alle weiteren, die von solchen Veranstaltungen fianziell profiteren, machen da mit. °° Am Schluß wurde "O du fröhliche" gesungen. 3 Strophen des Lieds waren im Text-Heft abgedruckt. Ich fand das Orgelkonzert sehr professionell. kommerziell - und wenig fröhlich.            

                                                                                                                           Raimund Samson  


Sonntag, 21. Dezember 2025

Kommando Holger Meins, 24.April 1975

 Es muß im Januar oder Februar 1975 gewesen sein.  Ich war von einem SH-Genossen zu einem Gespräch im Keller-Laden des SK Hamburg = SchwarzKreuz Hamburg eingeladen. Das SK war eine Gruppierung ähnlich der Schwarzen Hilfe, aber kleiner. Ich wusste nicht, worum es in dem Gespräch gehen würde. Mir gegenüber saß ein Mann, der genau wissen wollte, mit welchen Waffen ich bei der Bundeswehr geschossen hatte. Wahrheitsgemäß erzählte ich "G3, Maschinengewehr, Uzzi-Maschi-nenpistole, Pistole". Obschon Kriegsdienstverweigerer, hatte ich beim "Bund" mit einigem Ehrgeiz versucht, möglichst präzise zu schießen. Der Mann machte sich Notizen. Ich weiß noch, wie ich betonte, daß ich eigentlich UNGERN mit den

Waffen geschossen hätte. Dies war zwar eine Lüge, aber es passte zu meinem Status als Kriegsdienst-verweigerer. Dieses "UNGERN" rettete mir vermutlich das Leben. °° Ich machte mir nach dem Ge-spräch keine Gedanken. Von dem Genossen, der mich in die Billroth-Straße geschickt hatte, erfuhr ich nichts Näheres. Ich fragte auch nicht.  °°° Ein paar Wochen oder Monate später erfuhr ich dann aus den Nachrichten, worum es gegangen war. Ich hatte an einem Rekrutierungs-Gespräch teilgenommen. Es waren Leute gesucht worden für einen bewaffneten Überfall auf die Deutsche Botschaft in Stockholm. Holger Meins war bei einem Hungerstreik der RAF gestorben. Und nun sollten gut zwei Dutzend Gefangene der RAF und anderer terroristischer Organisationen freigepresst werden. Die Aktion ging fürchterlich schief. °° Der deutsche Militär-Attache Andreas von Mirbach wurde erschossen, weil die
Polizei sich weigerte, das von ihr besetzte Stockwerk zu räumen. Einige Stunden später wurde die nächste Geisel, Wirtschafts-Attache Heinz Hillegaart erschossen. Danach drohten die Terroristen, die noch im Gebäude verbliebenen Geiseln durch die Explosion von 15 kg Sprengstoff, die sie im Gebäude verteilt hatten, umzubringen. Dazu kam es nicht, weil der Sprengstoff vorzeitig explodierte. Dabei starb einer der Terroristen sofort, ein weiterer wurde schwerst verletzt und starb später in einem Krankenhaus. Die übrigen unverletzt gebliebenen 4 Terroristen wurden festgenommen, die letzten Geiseln wurden in Krankenhäuser gebracht. Was für ein Horror! Einer der Festgenommenen war der Mann, der Wochen zuvor im Keller-Laden des SK das Rekrutierungsgespräch geführt hatte. Er wurde später, wie die übrigen Beteiligten, zu zweimal "lebenslänglich" verurteilt. Alle Tatbeteiligten wurden nach ca. 20 Jahren aus der Haft entlassen. 

Wenn ich zurück-überlege: Ich war heilfroh, mich dämlich verhalten zu haben. Wenn ich TROTZDEM auserkoren worden wäre, zu dem Kommando zu gehören, hätte ich wohl JA gesagt. Aus Verzweiflung. Es ging mir psychisch schlecht. Ich hätte es wahrscheinlich als Ehre und Ausdruck von "Kamerad-schaft" empfunden, an so einer Wahnsinns-Aktion teilzunehmen. "Durch Gefahr und Kampf zur Revolution". Oder so ähnlich. Wahrscheinlich wäre ich dabei umgekommen. Ich hatte Glück. °° Mitleid empfand ich damals nicht. Die erschossenen Botschaftsangehörigen waren für mich austauschbare Nummern. Man sah Bilder im Fernsehen und in den Zeitungen. Ich war kein RAF-Anhänger, aber klammheimlich freute ich mich doch, wenn es wieder mal "rummste". Ich hatte viel Haß und aufgestaute Wut in mir - da war kein Platz für Empathie für unschuldige Opfer. Was heißt überhaupt "unschuldig"? Waren diese Männer tatsächlich unschuldig? Heute weiß ich: Natürlich waren sie's. Aber damals, in den 70-er Jahren, gab es eine seltsame Moral, möchtegern-sozialistisch, daß Staatsdiener halt Pech haben konnten. Die Helden standen hingegen stets auf der anderen, "unserer" Seite. °° Heute lautet das Thema für mich persönlich in einer allgemeinen Weise: Wie gehe ich mit eigenen Aggressionen, Haß und Wut um? Wie kann ich sie LOS werden?!!! °° Diesbezüglich machte ich später, quasi-therapeutisch,  wichtige, mich verändernde Erfahrungen. Es war mit Arbeit verbunden. Arbeit an sich selber. 
                     Raimud Samson

                                                                                          Raimund Samson


Samstag, 20. Dezember 2025

Einiges mehr über die Schwarze Hlfe Hamburg

Vorweg: Meine Erzählung über eine Organisation, die in den 70-er Jahren existierte, ist subjektiv. Es wäre natürlich interessant, jemand anderen zu hören oder einen Text zu lesen, in dem es um dieses Thema geht.  °° Sigurd Debus wurde von der SH Hamburg betreut. Er hatte 1971 mit Genossen das HAZ = Hamburger Aktions-Zentrum gegründet. Sigurd schrieb Briefe aus dem Knast an eine SH-Frau, in der er sich ausführlich und teils schwärmerisch über den spanischen Bürgerkrieg, 1936-39, äußerte. Im Unterschied zur deutschen Bewegung, die kaum über den Status sektenhafter Zusammen-schlüsse hinauskam, hatten die spanischen Anarcho-Syndikalisten eine millionenfache Anhängerschaft. "Eine Sozialrevolution, in deren Folge Land und Fabriken kollektiviert und von der Arbeiterklasse verwaltet wurden, breitete sich in ganz Spanien aus. In Katalonien und in dessen Hauptstadt Barcelona setzte sich der Anarcho-Syndikalismus mehrheitlich durch. Daneben gab es noch andere Arten des An-

archismus, vor allem in Saragossa, und in Form von Bauernvereinigungen in Andalusien. Die Anar-chisten spielten eine zentrale Rolle im Widerstand gegen die Franquisten ..." -WIKIPEDIA-  Sigurd Debus war ein glühender Anhänger freiheitlicher kämpferischer Ideen. Sein Leben endete tragisch. Bei einem Anschlag auf die JVA Celle, in der Debus einsaß, wurde ein Loch in die Außenmauer gesprengt. Sigurd wertete dies als untrügliches Zeichen, daß Genossen draußen an seiner Befreiung arbeiteten. Er schloß sich einem Hungerstreik von RAF-Gefangenen an, an dem er 1981 starb. Später stellte sich her-aus, daß der Sprengstoffanschlag vom Verfassungsschutz inszeniert wurde, um Spitzel in die linksra-dikale Terror-Szene einzuschleusen. °° Im Rahmen des SH-Verbots 1975 oder 76 als "kriminelle Verei-nigung", in deren Folge es auch Razzien gab, schrieb ich einen Brief an die Polizei. Ich lud sie ein, mei-ne Whg. in Altona zu durchsuchen -  aber sie "würden dort nichts finden". Es kam wie erhofft. Die Whg. wurde NICHT durchsucht - und ich bekam somit keinen Ärger mit meinen Vermietern. Mein Brief allerdings wurde bald darauf im Prozeß gegen den Bremer Anarchisten Wolfgang Q. -siehe  https://www.spiegel.de/politik/frost-in-der-spielballsa-3ba188a2-0002-0001-0000-000041124846 vorge-lesen, unter Nennung des Absender-Namens. Ich galt daraufhin bei einigen Genossen als "Verräter". Mir war es ziemlich wurscht. Zumindest war ich  niemandem böse. Unangenehm war nur, daß mit dem Verbot der SH und der Schließung des Büros in der Langenfelder Straße mein Bundeswehr-Seesack konfisziert wurde, auf den ich, gut leserlich meinen Namen geschrieben hatte. Ein paar Jahre später bekam ich den "Auskleidungsbefehl", d.h. ich sollte Seesack samt Inhalt: Stahlhelm, Parker, Schuhe u.a. zurückgeben. Ich fragte beim MAD = Militärischer Abschirm-Dienst an, wo ich meinen Seesack finden könne. Die Antwort: In einem Bundeswehr-Depot im Stadtteil Osdorf! Und tatsächlich: Mein Seesack war dort. Der Inhalt war unvollständig. Egal. Ich zahlte. °°° Es berührte mich kaum, daß ich als Verräter galt oder was auch immer. Ich war nämlich dabei, mich anders zu orientieren. Noch während meiner aktiven SH-Zeit lernte ich im Herbst 1974

Helga Goetze kennen, eine Dichterin, die es sich zur Aufgabe machte, Hamburger Spießer zu nerven, mit Gedichten zu bezaubern und eine sexuelle Revolution voranzutreiben. Das interessierte mich, war ich doch mit meinen 22 Jahren noch sehr unerfahren: Schüchtern, ja verklemmt. Ich stieg aus der A-Szene aus,
las aber nach wie vor bestimmte Bücher und bewunderte Erich Mühsam. Der Mann war ein Dichter, der nicht zu stramm organisierten Polit-Zirkeln gehörte, sondern in Künstlerkreisen verkehrte und für die Idee der Freien Sexualität eintrat. Das Thema packte mich, dabei hatte ich einige Ängste. "Da musst du durch", sagte ich mir. 

                                                                                     Raimund Samson