Montag, 29. Dezember 2025

Über Bob Dylan

Und noch ein Buch, das ich nicht bis zu Ende las: "Bob Dylan" von Tino Markworth. Erschienen in der Reihe rororo  monographien, d.h. in der legendären Taschenbuch-Sparte des hochangesehenen Verlags. °° Dylans Songs habe ich oft gemocht, zB "Like a rolling stone", "Rainy day women # 12 and 35", "I want you", "Just like a women", "Lay lady lay", also Lieder aus den 60-er Jahren.  Einen seiner berühmtesten Songs, " Blowin in the wind", mochte ich nie. Das ist natürlich auch Geschmackssache. Ich brauche einen besonderen Kick, um FAN zu sein.  

Nun möchte ich nicht den Eindruck erwecken, ich hielte das Buch für schlecht geschrieben oder un-interessant. Im Gegenteil! Ich werde zB in den Darlegungen darauf gestoßen, daß Dylan ein Dichter, Künstler, Musiker, Maler ist, der im Laufe seiner Anfang der 60-er Jahre begonnenen Karriere sich immer wieder neu erfunden habe. D.h., er hat immer wieder die soziale Rolle, in die er seine Songs, Auftritte, Austellungen packte, leicht oder, je nach Ansichtsweise, stark verändert. Dies drückt sich im Statement von Joni Mitchell so aus: "Bob ist überhaupt nicht authentisch. Er ist ein Plagiator, und sein Name und seine Stimme sind unecht. Alles an Bob ist ein Schwindel" -Los Angeles Times 22.4.2010 --- Diese Meinung überrascht mich. Es wird aber etwas, vielleicht sogar viel, Wahres daran sein. Es ist natürlich nicht entscheidend, um Musik und Texte zu mögen. Der englische Musiker-Sänger van Morrison behauptete 1986, Dylan sei "der größte lebende Dichter". Diese Behauptung ist m.E. Blödsinn. Sie wird auch dadurch nicht wahrer, daß Dylan 2016 den Literatur-Nobelpreis erhielt.  °°°° Ob Plagiator - Genie - großer Dichter oder welche Attribute sonst noch auf Bob Dylan gemünzt werden: Ich für meine Person kann von dem Mann einiges lernen. Und irgendwann lese ich das Buch vielleicht zu Ende und finde dann die Situation, in der B.D. vom jüdischen zum katholischen Glauben konver-tierte.     rororo monografie isbn 978 3499 505607   2011,  8,99 € 

                                                                                                                    Raimund Samson


 

Jhamala Katharina Goerttler : WELTEN

Untertitel: WEG VON DER PSYCHOSE

"Was für eine tolle Idee", denke ich: Eine Frau lässt sich psychiatrisch behandelnn, weil sie sich für krank hält und  -ein Symptom- Stimmen hört. Wie hilfreich könnte ein Buch sein von einer, denke ich, welche die von Angst und Schrecken geprägte Institution Psychiatrie von Innen heraus erlebt. Und sodann mit einem hohen Maß an Kompetenz darüber schreibt. Kritisch.

"Sie hat das Gefühl, jemand anderes steuert und lebt ihr Leben. Sie fühlt sich um ihr bisheriges Leben betrogen. Sie fühlt, daß es in ihrem Leben gar nicht um sie geht", lese ich auf der Buch-Rückseite. ::: Was für viel versprechende Sätze! Allein in Hamburg gibt es tausende, nein: zigtausende Menschen, die sich um ihr Leben betrogen fühlen. Die das Gefühl haben, daß es nicht um sie gehe. ... & weiter in diesem plotartigen Stil: "Schritt für Schritt taucht die Autorin in ihre bisherigen Lebenswelten ein und transformiert sie." Liest sich interessant; bisherige "Lebenswelten ... transformiert..." ?? ° Solche Sätze machen nugierig. Ich bin gespannt, aber auch skeptisch. Ich selber habe, supersensibel, eine lange Geschichte mit psychischen Ängsten hinter mir, in der ich viele Wege versuchte und teilweise ging. Dabei haben mir immer wieder Dichter-innen und Schriftsteller, aber auch bildende Künstler-innen, Musiker, Filmemacher Anregungen gegeben. ° Also begann ich, das Buch von vorne zu lesen. Und stolperte gleich über den ersten Satz: "Krankheiten sind dazu da, sich selbst besser verstehen zu lernen". Solch eine Behauptung könnte ich mir als Resümee vorstellen - aber als Anfang? Ich lese weiter. Die Erzählungen einer Autorin, die offen- oder schein-bar sehr klug ist - und zielstrebig, leider auch pedantisch, innere wie äußere Vorgänge beschreibt. °°° Ich lese und lese ... bis Seite 79. Plötzlich fühle ich mich gelamgweilt.  Angeödet. Und mir fällt der Spruch eines weltberühm-ten Dichters ein, der einst zu Papier brachte: "Man spürt die Absicht und ist verstimmt" Das Buch hat mehr als 230 Seiten. Die Sprache kommt mir auf Dauer eintönig vor, eingleisig. Was ich auf 79 Seiten lese, lässt sich, ohne Substanz-Verlust, auch auf 7-9 Seiten schreiben, denke ich. °°° Mir fehlen allgemeinere Statements zur Situation psychisch Kranker in diesem Land. Ich habe täglich mit der Problematik zu tun. Leider kreisen die Erzählugen von Frau Goerttler allein um ihre eigene Geschichte. Die darauf hinausläuft, daß sie, angeblich, seelische Leiden heile. Der Text auf der Rückseite des Buchs endet mit dem Satz "Jhamala heilt". Die Frage ist nur: Wen?  Ein Buch kann sensibilisieren ... Anregungen geben. Ich bezweifle, daß die Autorin J.K.Goerttler andere Menschen heilt. °° Siehe auch diesen meinen Blog: http://raimundsamsonkreativ.blogspot.com/2025/09/psycho-day-2018-2025.html

°° Verlag "Glücksuniversum"  232 S., isbn 978-3-949536-27-4   30,18 € -Amazon- 

                                                                                                  Raimund Samson
   

Mittwoch, 24. Dezember 2025

Orgelkonzert, Hamburg Michel 23.12.

Die Kirche brechend voll: freundliche Damen wiesen den Besucherinnen, meist Menschen in "gesetz-tem Alter" wie der Autor dieser Zeilen (73 ), den Weg zu den reservierten Stühlen und Bänken.

Im Programm: Stücke von Bach, Buxtehude, Franz Xaver Murschhauser, Carl Sattler, Messiaen, Alois Mack, Claude Daquin, Jules Grison, Max Reger und Margaretha Christina de Jong *1961, die einzige jetzt lebende Komponistin. An der Orgel: Magne H. Draagen. Der Mann versteht sein Handwerk. Es gehört einiges dazu, während rund 75 Minuten auf 4 verschiedenen Orgeln Stücke sehr unterschied-licher Komponisten fehlerfrei zu spielen. An der Variationsbreite habe ich nichts auszusetzen, wohl aber an der Intensität des Spiels. Auch meine Begleiterin fand das Spiel insgesamt "verhalten", wie gebremst ... auch wenn es ein paar lautere Passagen gab.
20 € kostete der Eintritt auf Theater-Abo-Karte. Ich schätze mal, daß 800 oder mehr Gäste die Ver-anstaltung besuchten. Im Programmheft war ein Hinweis abgedruckt, daß sowohl Ton- als auch Video-Aufnahmen und Fotografieren verboten waren. Ein Sprecher wiederholte dies in seiner Ansage. Mich störte dies. Alle reden davon, daß Weihnachten immer kommerzieller wird. Und sieh: Künstler, Kirchen und alle weiteren, die von solchen Veranstaltungen fianziell profiteren, machen da mit. °° Am Schluß wurde "O du fröhliche" gesungen. 3 Strophen des Lieds waren im Text-Heft abgedruckt. Ich fand das Orgelkonzert sehr professionell. kommerziell - und wenig fröhlich.            

                                                                                                                           Raimund Samson  


Sonntag, 21. Dezember 2025

Kommando Holger Meins, 24.April 1975

 Es muß im Januar oder Februar 1975 gewesen sein.  Ich war von einem SH-Genossen zu einem Gespräch im Keller-Laden des SK Hamburg = SchwarzKreuz Hamburg eingeladen. Das SK war eine Gruppierung ähnlich der Schwarzen Hilfe, aber kleiner. Ich wusste nicht, worum es in dem Gespräch gehen würde. Mir gegenüber saß ein Mann, der genau wissen wollte, mit welchen Waffen ich bei der Bundeswehr geschossen hatte. Wahrheitsgemäß erzählte ich "G3, Maschinengewehr, Uzzi-Maschi-nenpistole, Pistole". Obschon Kriegsdienstverweigerer, hatte ich beim "Bund" mit einigem Ehrgeiz versucht, möglichst präzise zu schießen. Der Mann machte sich Notizen. Ich weiß noch, wie ich betonte, daß ich eigentlich UNGERN mit den

Waffen geschossen hätte. Dies war zwar eine Lüge, aber es passte zu meinem Status als Kriegsdienst-verweigerer. Dieses "UNGERN" rettete mir vermutlich das Leben. °° Ich machte mir nach dem Ge-spräch keine Gedanken. Von dem Genossen, der mich in die Billroth-Straße geschickt hatte, erfuhr ich nichts Näheres. Ich fragte auch nicht.  °°° Ein paar Wochen oder Monate später erfuhr ich dann aus den Nachrichten, worum es gegangen war. Ich hatte an einem Rekrutierungs-Gespräch teilgenommen. Es waren Leute gesucht worden für einen bewaffneten Überfall auf die Deutsche Botschaft in Stockholm. Holger Meins war bei einem Hungerstreik der RAF gestorben. Und nun sollten gut zwei Dutzend Gefangene der RAF und anderer terroristischer Organisationen freigepresst werden. Die Aktion ging fürchterlich schief. °° Der deutsche Militär-Attache Andreas von Mirbach wurde erschossen, weil die
Polizei sich weigerte, das von ihr besetzte Stockwerk zu räumen. Einige Stunden später wurde die nächste Geisel, Wirtschafts-Attache Heinz Hillegaart erschossen. Danach drohten die Terroristen, die noch im Gebäude verbliebenen Geiseln durch die Explosion von 15 kg Sprengstoff, die sie im Gebäude verteilt hatten, umzubringen. Dazu kam es nicht, weil der Sprengstoff vorzeitig explodierte. Dabei starb einer der Terroristen sofort, ein weiterer wurde schwerst verletzt und starb später in einem Krankenhaus. Die übrigen unverletzt gebliebenen 4 Terroristen wurden festgenommen, die letzten Geiseln wurden in Krankenhäuser gebracht. Was für ein Horror! Einer der Festgenommenen war der Mann, der Wochen zuvor im Keller-Laden des SK das Rekrutierungsgespräch geführt hatte. Er wurde später, wie die übrigen Beteiligten, zu zweimal "lebenslänglich" verurteilt. Alle Tatbeteiligten wurden nach ca. 20 Jahren aus der Haft entlassen. 

Wenn ich zurück-überlege: Ich war heilfroh, mich dämlich verhalten zu haben. Wenn ich TROTZDEM auserkoren worden wäre, zu dem Kommando zu gehören, hätte ich wohl JA gesagt. Aus Verzweiflung. Es ging mir psychisch schlecht. Ich hätte es wahrscheinlich als Ehre und Ausdruck von "Kamerad-schaft" empfunden, an so einer Wahnsinns-Aktion teilzunehmen. "Durch Gefahr und Kampf zur Revolution". Oder so ähnlich. Wahrscheinlich wäre ich dabei umgekommen. Ich hatte Glück. °° Mitleid empfand ich damals nicht. Die erschossenen Botschaftsangehörigen waren für mich austauschbare Nummern. Man sah Bilder im Fernsehen und in den Zeitungen. Ich war kein RAF-Anhänger, aber klammheimlich freute ich mich doch, wenn es wieder mal "rummste". Ich hatte viel Haß und aufgestaute Wut in mir - da war kein Platz für Empathie für unschuldige Opfer. Was heißt überhaupt "unschuldig"? Waren diese Männer tatsächlich unschuldig? Heute weiß ich: Natürlich waren sie's. Aber damals, in den 70-er Jahren, gab es eine seltsame Moral, möchtegern-sozialistisch, daß Staatsdiener halt Pech haben konnten. Die Helden standen hingegen stets auf der anderen, "unserer" Seite. °° Heute lautet das Thema für mich persönlich in einer allgemeinen Weise: Wie gehe ich mit eigenen Aggressionen, Haß und Wut um? Wie kann ich sie LOS werden?!!! °° Diesbezüglich machte ich später, quasi-therapeutisch,  wichtige, mich verändernde Erfahrungen. Es war mit Arbeit verbunden. Arbeit an sich selber. 
                     Raimud Samson

                                                                                          Raimund Samson


Samstag, 20. Dezember 2025

Einiges mehr über die Schwarze Hlfe Hamburg

Vorweg: Meine Erzählung über eine Organisation, die in den 70-er Jahren existierte, ist subjektiv. Es wäre natürlich interessant, jemand anderen zu hören oder einen Text zu lesen, in dem es um dieses Thema geht.  °° Sigurd Debus wurde von der SH Hamburg betreut. Er hatte 1971 mit Genossen das HAZ = Hamburger Aktions-Zentrum gegründet. Sigurd schrieb Briefe aus dem Knast an eine SH-Frau, in der er sich ausführlich und teils schwärmerisch über den spanischen Bürgerkrieg, 1936-39, äußerte. Im Unterschied zur deutschen Bewegung, die kaum über den Status sektenhafter Zusammen-schlüsse hinauskam, hatten die spanischen Anarcho-Syndikalisten eine millionenfache Anhängerschaft. "Eine Sozialrevolution, in deren Folge Land und Fabriken kollektiviert und von der Arbeiterklasse verwaltet wurden, breitete sich in ganz Spanien aus. In Katalonien und in dessen Hauptstadt Barcelona setzte sich der Anarcho-Syndikalismus mehrheitlich durch. Daneben gab es noch andere Arten des An-

archismus, vor allem in Saragossa, und in Form von Bauernvereinigungen in Andalusien. Die Anar-chisten spielten eine zentrale Rolle im Widerstand gegen die Franquisten ..." -WIKIPEDIA-  Sigurd Debus war ein glühender Anhänger freiheitlicher kämpferischer Ideen. Sein Leben endete tragisch. Bei einem Anschlag auf die JVA Celle, in der Debus einsaß, wurde ein Loch in die Außenmauer gesprengt. Sigurd wertete dies als untrügliches Zeichen, daß Genossen draußen an seiner Befreiung arbeiteten. Er schloß sich einem Hungerstreik von RAF-Gefangenen an, an dem er 1981 starb. Später stellte sich her-aus, daß der Sprengstoffanschlag vom Verfassungsschutz inszeniert wurde, um Spitzel in die linksra-dikale Terror-Szene einzuschleusen. °° Im Rahmen des SH-Verbots 1975 oder 76 als "kriminelle Verei-nigung", in deren Folge es auch Razzien gab, schrieb ich einen Brief an die Polizei. Ich lud sie ein, mei-ne Whg. in Altona zu durchsuchen -  aber sie "würden dort nichts finden". Es kam wie erhofft. Die Whg. wurde NICHT durchsucht - und ich bekam somit keinen Ärger mit meinen Vermietern. Mein Brief allerdings wurde bald darauf im Prozeß gegen den Bremer Anarchisten Wolfgang Q. -siehe  https://www.spiegel.de/politik/frost-in-der-spielballsa-3ba188a2-0002-0001-0000-000041124846 vorge-lesen, unter Nennung des Absender-Namens. Ich galt daraufhin bei einigen Genossen als "Verräter". Mir war es ziemlich wurscht. Zumindest war ich  niemandem böse. Unangenehm war nur, daß mit dem Verbot der SH und der Schließung des Büros in der Langenfelder Straße mein Bundeswehr-Seesack konfisziert wurde, auf den ich, gut leserlich meinen Namen geschrieben hatte. Ein paar Jahre später bekam ich den "Auskleidungsbefehl", d.h. ich sollte Seesack samt Inhalt: Stahlhelm, Parker, Schuhe u.a. zurückgeben. Ich fragte beim MAD = Militärischer Abschirm-Dienst an, wo ich meinen Seesack finden könne. Die Antwort: In einem Bundeswehr-Depot im Stadtteil Osdorf! Und tatsächlich: Mein Seesack war dort. Der Inhalt war unvollständig. Egal. Ich zahlte. °°° Es berührte mich kaum, daß ich als Verräter galt oder was auch immer. Ich war nämlich dabei, mich anders zu orientieren. Noch während meiner aktiven SH-Zeit lernte ich im Herbst 1974

Helga Goetze kennen, eine Dichterin, die es sich zur Aufgabe machte, Hamburger Spießer zu nerven, mit Gedichten zu bezaubern und eine sexuelle Revolution voranzutreiben. Das interessierte mich, war ich doch mit meinen 22 Jahren noch sehr unerfahren: Schüchtern, ja verklemmt. Ich stieg aus der A-Szene aus,
las aber nach wie vor bestimmte Bücher und bewunderte Erich Mühsam. Der Mann war ein Dichter, der nicht zu stramm organisierten Polit-Zirkeln gehörte, sondern in Künstlerkreisen verkehrte und für die Idee der Freien Sexualität eintrat. Das Thema packte mich, dabei hatte ich einige Ängste. "Da musst du durch", sagte ich mir. 

                                                                                     Raimund Samson 

Freitag, 19. Dezember 2025

Einiges über die Schwarze Hilfe Hamburg

Vor rund 50 Jahren gab es in Hamburg eine anarchistische Organisation namens SCHWARZE HIL-FE. Ich trat der Gruppe 1973 bei, während meiner Bundeswehrzeit, die ich, abgelehnter Kriegsdienst-verweigerer, absolvieren musste. Die SH war das libertäre Pendant zur "Roten Hilfe", die aus-schließ-lich sog. "politische" Gefangene betreute. Wir hingegen kümmerten uns auch um sog. "normale Krimi-nelle", also Leute, die wegen Diebstahls, Raub, Mord und anderen leichten bis hin zu schwersten Delikten einsaßen. 

Wir hatten Büro-Räume in Altona in der Langenfelder Str. 64d. Heute erinnert nichts mehr an die damalige Nutzung. Man betrat einen Hinterhof, ging ein paar Meter durch eine Toreinfahrt, stieg eine schmucklose Eisentreppe hinauf und schon war man in der SH-Zentrale. Einmal die Woche war Plenum. Wir waren ca. 10-15 Leute, 10 Männer und 5 oder 6 Frauen. Rainer H. war der Mieter und spielte eine Art Boß. Das war manchen Leuten aus der A-Szene zuwider; sie mieden den Treffpunkt. Rainers Frau Inga war eine "dufte Genossin": offen, hilfsbereit, solidarisch. Unser jüngster war Frank Ziegert. Er machte sich ab den 80-er Jahren einen Namen als Guitarrist, Sänger und Komponist der Punk-Band ABWÄRTS. Ich erinnere mich noch an Toddel, zwei drei jahre älter als ich, ein ehemaliger Fremdenlegionär, der sich später mit dem Zeichner der Werner-Comics anfreundete. 
Es waren sehr nette Frauen da. In eine war ich verliebt, hätte es ihr aber nicht zu zeigen gewagt. An Peter Reske erinnere ich mich, er war mit Lutz Schulenburg befreundet, dem Herausgeber libertärer-anarchistischer Schriften und Gründer des Nautilus Verlags. Peter zeigte mir mal eine Pistole, die er in einem Holster unter seiner Weste trug. °° Seit Jahrzehnten habe ich die Kontakte nicht mehr gepflegt. Als die SH 1975 -oder76- als "kriminelle Vereinigung" verboten wurde, zog ich mich aus der scene zurück. °° Im Internet fand ich, außer Andeutungen, fast nichts über die Hamburger Schwarze Hilfe.   
 Legendär Anfang der 70-er Jahre war die Schwarze Hilfe Berlin, aus der u.a. die "Bewegung 2. Juni" hervorging. Mein Abenteurer- und Romantiker-Herz schlug bei dem Thema höher. Ich fand jedoch nie Hinweise auf eine Kooperaton der Hamburger mit der Berliner Schwarzen Hilfe. Es gab aber ein Treffen mit Delegierten verschiedenen Gruppen aus Hamburg, Frankfurt, Göttingen, Gießen u.a. Städten. An einen Mann erinnere ich mich gut, weil er sehr cool und tough wirkte. Hans-Joachim Klein. Er war Delegierter des RK=Revolutionärer Kampf.
Im SPIEGEL war mal ein Bericht über einen Besuch Jean-Paul Sartres im Stammheimer Gefängnis bei Andreas Baader und anderen RAF-Leuten. HJ Klein saß am Steuer des Autos. HJK wurde 1975 beim Überfall eines international besetzten Terror-Kommandos auf die OPEC-Konferenz in Wien schwer verletzt und nach Lybien ausgeflogen. Später distanzierte er sich von seinen terroristischen Aktivitäten. Das spätere jahrelange Leben in der Illegalität und die Einsicht, einen schweren Fehler begangen zu haben, machte ihm psychisch und mental schwer zu schaffen. °° Am 2.März 1974 wurde in Spanien der 25-jährige
Salvatore Puig Antich wegen Polizistenmord mit der Garotte qualvoll stranguliert. Er soll auch an mehreren Banküberfällen teilgenommen haben. Wir protestierten, indem wir bei einer Bank die Scheiben demolierten, mit Pflastersteinen, die mit unserer Protest-Message umwickelt waren. Direkt anschließend warfen 2 Leute  Bekennerschreiben in die Briefkästen von BILD, MoPo und Abendblatt. °° Der Schwerpunkt, jedenfalls meiner Aktivitäten, lag in der Betreuung von Gefangenen im UG Holstenglacis und in "Santa Fu", dem Fuhlsbütteler Groß-Gefängnis.  ich besuchte einige. Wir kauften auch Tabak, Schokolade und andere Sachen ein, die wir als Paket schickten oder direkt bei unseren Besuchen den Schließern übergaben. Wolfgang St. saß im UG, weil er bei einem Banküberfall mit Sigurd Debus und einem anderen Mann vom HAZ =Hamburger Aktions-Zentrum gefasst worden war.  Sie, die Arbeiter, waren seinerzeit von Straßenarbeitern, wenn ich recht erinnere, jdenfalls Angehörigen der Klasse, für die sie kämpften, auf der Straße festgehalten und der Polizei übergeben worden.  °° Ich las Bücher der russischen Anarchisten Michail Bakunin und Kropotkin -"Die Eroberung des Brotes". Alles, was meine romantisch-radikalen Ansichten bestärkte, war mir recht. Ich las sehr schnell und vrstand nicht alles. 
Nebenbei schrieb ich Gedichte. Meine Genossen interessierten sich nicht dafür. Sie kannten Kropotkin und Bakunin dem Namen nach, aber ich konnte mit ihnen nicht darüber sprechen. Für mich hatten die Bücher eine große Bedeutung; ich war ein Aktivist, der seine Phantasien und utopischen Ideen sehr stark aus Büchern bezog. ° Ich war ein Bewunderer auch vieler zeitgenössischer Schriftsteller, zB Peter O. Chotjewitz und
Fernando Arrabal. Von Chotjewitz besaß ich das Buch "ROMAN". Der Schriftsteller posierte nackt in der römischen Villa Massimo und hatte dazu syrrealistische und zugleich banal klingende Texte verfasst. Chotjewitz war mit Andreas Baader befreundet. Von Arrabal besaß ich ein Buch mit dem geheimnisvollen Titel "Riten und Feste der Konfusion", von dem ich total fasziniert war. In diesen Labyrinth-Stories wird eine neun-monatige Reise des Ich-Erzählers beschrieben. Und dazu gab es noch mich stark berührende Gemälde, in deren Mittelpunkt der Dichter Fernando Arrabal selber stand. Ich konnte nur staunen und bwundern.
Diese Schriftsteller waren mir Stümper weit voraus. Es war richtig, daß ich aus meinem Elternhaus ge-flohen war. Ich wollte meiner Vergangenheit als katholischer Internatszögling entkommen. Ich war auf dem Weg, ein Krimineller mit "politischem Background" zu werden. Dabei war ich stark idealistisch motiviert. Ich suchte ein anderes, besseres Leben als zuvor. Ich war intelligent, aber linkisch und in so-zialen Dinge  gehemmt, vor Allem im Umgang mit Frauen. Ich war nahe an einer Sache, die, stärker noch als die Schwarze Hilfe, meinem Leben eine krasse Wendung geben würde. Aber noch war ich ein Gefangenenhelfer. °° Ein Jugoslawe, der wegen Raubüberfällen in Santa Fu einsaß,  heckte einen Plan aus, wie ich ihn "rausholen" könnte. Er hatte in Oldenburg demnächst einen weiteren Prozeß wegen eines Überfalls, der noch nicht verhandelt worden war. Dabei würde sich eine Gelegenheit ergeben, vor dem Strafjustizgebäude die für den Transport zuständigen Polizeibeamte zu bedrohen und sie zu zwingen, ihm die Handschellen zu lösen. Ich war skeptisch. Es schmeichelte mir zwar, für so ein Him-melsfahrtkommando ausersehen zu sein, aber allein würde ich es bestimmt nicht schaffen."Waffen sind kein Problem", meinte Darko, "in der Marktstraße wohnen ein paar Griechen, sie haben Knarren." Ich schrieb mir die Adresse auf. Und fuhr zwei Tage später dort hin.  Niemand öffnete die Tür trotz mehrfachen Klingelns. Ich war erleichtert. Heute, beim Schreiben dieses Stoffs, denke ich: Der Jugoslawe rief die Griechen an und warnte sie.  Vielleicht war ich ein Spitzel, ein Polizei-Informant? Mit so etwas musste man immer rechnen. Ich war froh, daß aus der hochriskanten Sache nichts wurde. ich hätte kaum die Nerven gehabt, sie durchzuhziehn. °° Es war sicherer, Bücher zu lesen und Gesdichte zu schreiben. Ich lebte mehr als 300 Kilometer von meiner Mutter entfernt. Allein das war schon ein großer Schritt nach vorne. °°° Ich las und las und las...U.a. Wilhelm Reichs "Charakteranalyse". Reich war ein marxistischer Psychoanalytiker gewesen. Das war doch ein interessanter Ansatz! Ich posierte mit dem Buch. Ich war ein idealistischer Wirrkopf. Immerhin. Neurotisch. Naja. Ich wollte ein anderer Mensch werden. Das Leben hielt noch einige Überraschungen parat. 

                                                                                                                  Raimund Samson
 




 


Donnerstag, 18. Dezember 2025

good-bye Rosa von Praunheim

Völlig überraschend starb der große Filmemacher und Künstler - LEBENSKÜNSTLER - Rosa von Parunheim. Ich bin nur zu einem kleinen Prozentsatz schwul, aber trotzdem gehörte ich stets zu den Bewunderern.

Einmal telefonierte ich mit ihm, in den Nuller Jahren. Es ging darum, ein Buch zu dem Film "ROTE LIEBE" neu herauszugeben. Ich bekam die Erlaubnis. Rosa gestattete mir auch, den Flm öffentlich vorzuzführen. Er ging davon aus, daß solch eine Vorführung nur sehr wenig, wenn überhaupt, Geld einspielen würde. Er hatte Recht.  °° In ROTE LIEBE geht es um eine russische Frauenrechtlerin und sexuelle Emanzipation - in den frühen 20-er Jahren des vorigen Jahrhunderts, also kurz nach der russischen Revolution. Die Hauptrolle in dem Film übernahm Helga Goetze Sophia, eine aus Hamburg stammende Dichterin: "Hausfrau der Nation oder Deutschlands Supersau", "Zeugnisse eines Auf-bruchs" u.a. Publikationen. Die Rahmenhandlung ist nicht besonders spannend, aber dann, mit dem Auftritt von Helga Goetze, explodiert der Film vor Lebendigkeit. Ein geradezu sensationeller Auftritt von Helga. Helga ist äußerst radikal, absolut offen. Eine Feministein, die sexuelle Freiheit fordert - dabei Männer durchaus AUCH positiv sieht. °° Ich war mit Helga Goetze mehr als 30 Jahre befreundet - mit Höhen und Tiefen. Ich gab in den 90-er und Nuller Jahren die Zeitschriften "ELB-INSEL" und "herzgalopp" heraus, insgesamt 20 Hefte. Helga war in allen Ausgaben vertreten.
Rosa hat, auch wenn er Homosexualität als Haupt-Thema in seinen Werken hat, eine Menge für ALLE Männer getan, auch für mich. Er hat sensibilisiert, auf eine stets unterhaltsame, oft sehr schräge Art Situationen, menschliche Konstellationen inszeniert und dargestellt. Er war ein Spieler durch und durch, ein Humorist auch. Bei allem Ernst, welchen das Thema mit sich bringt, gab es auch meist oder zumindest oft ... etwas zu lachen oder zu schmunzeln. Seine eigenwillige Ästhetik transportierte viel Kitsch ... - als bewusst eingesetztes Stil-Mittel. Gleichzeitig war Allerbanalstes ihm nicht zu schlicht, um als Film-Material eingesetzt zu werden.  °°° Rosa von Praunheim wird sehr fehlen.

                                 traurige Grüße     Raimund Samson