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Mittwoch, 26. August 2026

Georgine Kellermann "Der lange Weg zu mir selbst"

 

Das Buch ist leicht verständlich, mir als Leser gut nachvollziehbar geschrieben mit der Lebens- und Leidens-geschichte der Protagonistin Georgine Kellermann. Sie wurde 1957 geboren. Es war ein langer, spannender und, so empfinde ich, ehrlich erzählter Weg, wie aus Georg Georgine wurde. Der Untertitel des Buchs lautet "Meine Befreiung als Trans*frau nach über 60 Jahren". Es hat so garnichts von der oft marktschreierischen Exzentrik mancher LGBTQ-Aktivisten, die ihrem Ärger und Wut über angebliche oder tatsächliche Ungleich-Behandlung lautstark Luft verschaffen. Und wenn doch? Wäre es mir fast egal. Georgine kommt sympathisch ubd unaufdringlich "rüber". Und ich frage mich: Weshalb gibt es heute oftmals Probleme seitens eines nicht kleinen Teils der Bevölkerung mit "queeren", "binären" und anderen Menschen, die zur LGBTQ-Community gezählt werden. L= lesbisch, G= gay (schwul), B= bisexuell, T= transgender , Q= queer. Meine Definitionen fand ich auf der Website www.desired.de/lifestyle/was-bedeutet-lgbtq/  °° Die Probleme, die wir heute haben, kommen m.E. daher, daß staatlicherseits hunderte Millionen € ausgegeben werden. Jahr für Jahr wird gigantisch investiert, um die Ideologie der LGBTQ medienstark zu verbreitern, diesbezüglich Arbeits-plätze zu schaffen, das ganze Land mit entsprechenden Netzwerken zu überziehen. Wer Kritik daran übt, daß hier Gelder ausgegeben werden, die anderswo fehlen, wird als "Nazi", "Reaktionär", "dumm" etc. abgetan und an den Pranger gestellt. Schade. °° Georgin Kellermanns Buch empfehle. 27 Seiten, Ullstein, 2024
                              Raimud Samson 
 

Samstag, 17. März 2018

Martin Mosebach: "Die 21"

Ich erinnere mich an das Video, das 2015 seinen Weg durch die "social media" machte: 21 in orange-farbene Overalls gehüllte Männer, Gefangene des IS, werden, die Hände der Henker im Nacken, an einen Strand in Libyen geführt, um dort vor laufenden Kameras geköpft zu werden. Diese Männer, von denen bis auf einen alle aus dem Dorf El-Or in Ägypten stammten, waren koptische Christen. Sie hatten sich als Wanderarbeiter nach Libyen begeben, um dort Geld für ihre Familien zu verdienen. Ca. sechs Wochen lang wurden sie vom IS gefangen gehalten und geschlagen. Sie hätten die Möglichkeit gehabt, ihrem Glauben abzuschwören, taten dies aber nicht, sondern verrichteten in ihrer Gemeinschaftszelle täglich Gebete und sangen die Lieder ihrer christlichen Tradition. Dann das barbarische Ritual am Meer...  °° Der Schriftsteller Martin Mosebach, der bereits 2002 in Ägypten weilte und dort ein koptisches Kloster besuchte, fuhr im Frühjahr 2017 erneut in das Land, um die Angehörigen der Märtyrer zu besuchen und Näheres über ihre Leben zu erfahren. Sie waren zwischen

22 und 46 Jahre alt, die meisten in den Zwanzigern, einige von ihnen verheiratet. Mosebach erzählt sehr behutsam, unaufdringlich, ohne es an Genauigkeit fehlen zu lassen. Er spart auch die ästhetische Dimension des Geschehens nicht aus - nämlich bezüglich der Hinrichtungen, die von den IS-Killern in HighTec-Qualität aufgenommen wurden, um eine möglichst starke propagandistische Wirkung zu erzielen; zum anderen in Bezug auf Ikonenmalerei und andere Merkmale koptisch-christlicher Tradition. Nach den Hinrichtungen setzte ein Verehrungs-Kult ein. Den durch ihr Märtyrertum zu Heiligen Gewordenen wurden Ikonen gemalt und Kirchen gebaut. Zeitlebens waren sie eher bescheidene, unauffällige Gemeinde-Mitglieder gewesen - nun gehören sie zum Kanon der Heiligen. Ihre Familien leben damit. Der Alltag geht weiter. Das Video der Hinrichtungen ist bei den Angehörigen jederzeit greifbar, auch Kinder schauen es sich an. Wenn die IS-Killer gehofft hatten, die Spirale der Gewalt noch weiter hinaufzuschrauben, so haben sie sich bei den Familienange-hörigen getäuscht. Sie schwelgen nicht in Rache- oder Kriegs-Phantasien. 
Der Untertitel des Buchs lautet "Eine Reise ins Land der koptischen Märtyrer". Ich erfahre so auch viel Interessantes über die Geschichte der koptischen Christen, ihre Liturgie, ihr Verhältnis zum Land Ägypten. ° Im Kapitel "Ein Gespräch über das Martyrium" (S. 43-50) kommt die Haltung des säkularen, aufgeklärten Ägypten zum Ausdruck. Mosebach verdichtet sie in persona eines jungen Arabers, Sohn kommunistischer Eltern, der in London "ohne Berührung mit der Religion" aufwuchs, aber nach Kairo zurückkehrte, um eine Software-Firma zu gründen. Seine Abwehr gegen jede Art von Märtyrertum dürfte sich kaum von der unterscheiden, die bei uns gang und gäbe ist. 
          Ein Buch, das mich berührt.                     270 S., Rowohlt, Februar 2018, 20 €
                                                             °° RS °°  

Mittwoch, 30. August 2017

Alexandra Manske: "Kapitalistische Geister"

Der komplette Titel des Buchs von Alexandra Manske lautet "Kapitalistische Geister in der Kultur- und Kreativwirtschaft", Untertitel: "Kreative zwischen wirtschaftlichem Zwang und künstlerischem Drang". Frau Dr. Manske ist studierte Soziologin und forscht und lehrt an der Hamburger Universität

u.a. Die Autorin untersucht die Situation von Kreativen in Deutschland, die, von Ausnahmen abgesehen, oftmals unter schwierigen Bedingungen arbeiten: Entweder als "Freiberufliche", die beispielsweise ihr Geld bei Print- und/oder TV-Medien verdienen, oder als Angestellte zu höchst unterschiedlichen Konditionen in "Festanstellung" arbeiten, aber meist mit einem zeitlich beschränkten Vertrag ausgestattet sind. Einige befinden sich in (Teil-) Abhängigkeit vom Arbeitsamt, als sogenannte "Aufstocker". Manske beschreibt akribisch die Entwicklung der Situation von in der "Kultur- und Kreativwirtschaft" Tätigen und erforscht diese auch historisch mit dem Schwerpunkt auf den letzten 50 Jahren. Ihr besonderes Interesse gilt jenem Bereich, der als "Design" bezeichnet wird.
Ich war auf dieses Buch neugierig, weil ich selber Künstler bin und etliche Stufen einer entspre-chenden Vita und Karriere durchlaufen habe, u.a. lebte ich 15 Jahre als professioneller Puppenspieler. Ich sammelte auch Erfahrungen als Schriftsteller, Organisator von Lesungen und Ausstellungen (Einzel- und Gruppen-Ausstellungen, auch Präsentation eigener Bilder), Herausgeber von Zeitschriften und Anthologien, Radiomacher u.a. 
Das Buch lässt an wissenschaftlicher Genauigkeit m.E. keinen Wunsch offen: Begriffe werden ausführlich und genau beschrieben, auch die Geschichte der Begriffe, die Autorin webt und flicht ein dichtes und vielschichtiges Bild, das den komplexen von ihr untersuchten Bereich ausgiebig unter die Lupe nimmt. Und doch fehlt mir hier etwas. Frau Manske listet unter "Literatur" fast 700 Bücher bzw. Aufsätze auf, außerdem verweist sie auf 46 Internetquellen. Zwei ihrer Favoriten unter wissenschaftlichen bzw. philosophischen Autoren sind Pierre Bourdieu und Michel Foucault. Ich staune: Marx ist nicht aufgelistet. Sollte man Karl Marx nicht gelesen haben, wenn man "Kapitalistische Geister in der Kultur- und Kreativwirtschaft" verstehen und beschreiben will? Erstaunlicherweise wird aber Antonio Negri, ein italienischer Wissenschaftler, der wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde, mit zwei Werken aufgeführt. Nicht erwähnt werden Kreative, die die Kultur- und Kreativ-Szene in diesem Land entscheidend beeinflusst haben und noch immer von großer Bedeutung sind; es sind  hochkarätige Künstler, die auch theoretisch Wichtiges zu sagen haben. Ich rede hier von Josef Beuys und Bazon Brock. Frau Manske schreibt von Paradigmenwechseln in Gesellschaftlich und Wirtschaft. Josef Beuys war einer, der mit seiner künstlerischen Arbeit und mit seinen Theorien etwa über die "soziale Plastik" und den "erweiterten Kunstbegriff" viel Aufsehen erregte und selber auch Paradigmenwechsel in den Diskursen über Kreativität, Kunst usw. erreichte bzw. heraufbeschwor. Dieser Mann wird nicht erwähnt unter "Literatur". Auch Bazon Brock nicht - ebenfalls ein hochkarätiger Künstler, fundierter Kenner der deutschen und internationalen Kunst-Szene sowie in theroretischen Fragen sehr versiert. In einer Fußnote wird Jackson Pollock erwähnt, ein amerikanischer abstrakter expressionistischer Maler. Beim Überfliegen der Literaturliste lese ich den Namen Tanja Dückers, eine Berliner Autorin. Und sonst?? - Mehr als zwei Dutzend staatlicher Publikationen wie "Bundesagentur für Arbeit (2013)...", "Bundesratsdrucksache 558/1/08..." werden aufgelistet. Sicher enthalten solche statlichen Publikationen Informationen, die zum Verständnis des Arbeitsmarktes wichtig sind. Aber von einem Buch über "Kapitalistische Geister in der Kultur- und Kreativwirtschaft" erwarte ich auch Hinweise auf Künstler und Autoren-Autorinnen (Valie Export ist eine wichtige feministische Künstlerin, auch Rosemarie Trockel wäre m.E. auch zu nennen), die kapitalistische, anti-kapitalistische und andere Geister in Bewegung gebracht haben und immer noch bringen. °°° Vielleicht hängt das von mir monierte Fehlen von bestimmten Hinweisen mit dem Herausgeber des Buches, der DGB-eigenen Hans-Böckler-Stiftung zusammen. Außerdem wurde die vorliegenden Studie vom "Bundesministerium für Forschung und Wissenschaft" gefördert. Man ahnt, daß die Verantwortlichen dort mit Künstlern wie Josef Beuys und Bazon Brock Probleme haben dürften. Immerhin entließ SPD-Mann Johannes Rau den Professor Josef Beuys aus dem Staatsdienst.  °°° Ich habe das Buch bis zur Seite 104 genau gelesen. Mehr schaffte ich nicht, da ich es zurückgeben musste. Interessant -auch für meine Denkweise- ist Kapitel 6. Berlin als Ort für künstlerisch-kreative Arbeit", das ich aus zeitlichen Gründen leider nur überfliegen konnte. * Und mit ebensolchen -fliegenden- Grüßen verbleibt freundlich der Rezensent.
                                                                                                 °° RS °° 

Dienstag, 22. Dezember 2015

Jacob Augstein "Die Tage des Gärtners"

Im Vorwort wird versprochen "Dies ist ein Buch über die Liebe zur Natur und über die Sehnsucht des Städters, ein Buch für den Gartenliebhaber jeden Alters und jeden Wissenstandes." Dies Buch thematisiert die Arbeit im Garten, versucht darüber hinaus jedoch noch weitaus mehr zu sein. Der Einleitung ist ein Zitat von Heinrich von Kleist vorangestellt. Im weiteren Verlauf der Plaudereien werden munter immer mehr Dichter, Schriftsteller, Musiker, Ornithologen und sonstige kluge Menschen mit Zitaten eingebracht: Bertold Brecht, Leo Lionni, Nikolaus Harnoncourt, Hölderin, Rilke, John Stuart Mill, Thomas Bernhard etcetc. Augstein glänzt mit einer Fülle an Wissen über Pflanzen, deren Behandlung in den verschiedenen Jahreszeiten, und weil ihm das offenbar zu wenig war, macht er eine Art Bildungs-Roman aus seinem Buch. Da finden sich aneinandergereihte Belanglosigkeiten wie "Von Natur aus, wie gesagt, wächst im Garten nichts. Nicht einmal Unkraut." (S. 33), ab und an kraftmeierische Gespreiztheiten: "Es gibt ja Leute, die meinen, ein Gespräch über Laufenten sei gleichsam ein Verbrechen, weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließe" (S. 12). Mit dieser Variation auf Gedichtzeilen von Erich Fried beweist der Autor sich und dem Leser einen hohen Grad an Bildung - aber es hätte dem Buch gutgetan, diesen Anspruch präzise zu formulieren und nicht wie nebenbei, lässig, dem Thema Natur aufzupropfen. Augstein läßt sich über die Vorbesitzer des Gartens aus, zwei miteinander befreundete und dann verfeindete Orchester-Musiker und ihre Familien. Er schließt von diesen Menschen auf den Zustand des Gartens. Statt dieser Spekulation, die etwas sehr Indiskretes hat, hätte ich mir gewünscht, Augstein hätte über sich und seinen Anspruch geschrieben, seine Motivation, dieses Buch zu machen und das Risiko einzugehen, es zu überfrachten. - "Herrschaft über die Natur, das ist eine Mission, die wir niemals erfüllen können" behauptet der Autor auf Seite 85, er erwähnt die Bibel und ergeht sich in Spekulationen über die Unendlichkeit und Unfaßbarkeit der Natur, verhalten schwärmerisch bis bildungsbesessen; auf den Seiten 88 und 89 werden, in lockerem Plauderton, die Herren Petrarca, Cezanne und der mir unbekannte Dramatiker Fritz Kater eingeführt. Das ist ganz nett, ist aber hart an der Grenze, in pseudophilosophisches Geschwafel auszuarten --- die Grenze erweist sich bei Augstein als sehr durchlässig. Richtig ärgerlich wird es für mich auf S. 90, wo behauptet wird "Es gibt nämlich in Deutschland schon lange keine Auwälder mehr, wie sie dem Biologen vorschweben. Generationen von Ingenieuren haben Donaus, Rgein und Elbe in immer engere Betrten gezwängt ..." Ich wohne in Hamburg-Wilhelmsburg, schätzungsweise vier bis fünf Kilometer Luftlinie vom Heuckenlock  entfernt, dem letzten verbliebenen kleinen Auenwald in Deutschland. ** Es hätte Jakob Augstein, aber auch dem Hanser Verlag und dtv, dessen Ausgabe mir vorliegt, gut getan, absolut präzise zu recherchieren, das Manuskript genau zu lektorieren bzw. das Buch erneut zu lesen. ** Ich las bis S. 138, dann ist mir die Lust vergangen. Jakob Augstein hat in sein rund 260 Seiten dickes Buch "Die Tage des Gärtners" Stoff für wenigstens fünf weitere Bücher gepackt. 
                                                                                                                                                  *RS*

 

Montag, 3. August 2015

"Gefühlspolitik" von Ute Frevert


Das Buch von Ute Frevert erschien 2012, also im Jahr des zweihundertsten Geburtstags Friedrichs des Großen. Auf den Preußenkönig beziehen sich die Darlegungen der Historikerin vornehmlich. Das Buch ist erfrischend klar geschrieben: Wissenschaftlich präzise, kritisch auch - jedoch ohne den Gegenstand der Untersuchung abzuwürgen oder mit dem Skalpell zu zerlegen. Über meinen Vater, der Fr. den Gr. wertschätzte, finde ich leicht Zugang zu den Argumenten und Gedanken Ute Freverts. Sie zeigt, anhand mehrerer historischer Beispiele, daß Gefühle schon lange eine wichtige Bedeutung in der Politik und vor allem bei zeremoniellen und repräsentativen Anlässen spielen: "welche kritischen Potentiale, Chancen, und Risiken eine gefühlsorinetierte politische Herrschaft barg" (S. 127). Und noch ein Zitat: "Ob Friedrich mit seiner elaborierten Sprache der Gefühlszeichen erhöhen oder erniedirigen wollte, ist eine müßige Frage. Als versierter Experte und kluger Beobachter vermochte er es, beides in der Schwebe zu halten und eine Balance zu finden, die nichts ausschloß, aber vieles ermöglichte. Bis ins hohe Alter übte er die Kunst, Untersucht werden die seelischen Regungen der Herrscher als auch die der Beherrschten. Friedrich gibt ein besonderes Beispiel, auch weil er sich in zahlreichen Schriften über seine Rolle als "Herrscher der Herzen" ausließ. Ute Frevert warnt davor, Friedrichs Darlegungen stets für bare Münze zu nehmen - es ging ihm mit seinen Schriften auch darum, einen bestimmten Eindruck bei seinen Lesern zu erzeugen. Ich würde diese Warnung ausdehnen auf praktisch alle Politiker. Bücher und sonstige Schriften sind sehr häufig ein Mittel, um einen bestimmten -meist guten- Eindruck zu hinterlassen. Dies sollte jedoch kein hinderungsgrund sein, auch politische Bücher bisweilen zu lesen. Zumal wenn sie unterhaltsam und interessant geschrieben sind. Wie dieses Buch.
                                                                                                                            *RS*