Samstag, 16. Oktober 2010

Kunst im Öffentlichen Raum

Im WilhelmsburgerInselRundblick (W.I.R.) erschien im September unter der Überschrift "Multikulti, ja bitte - aber nicht an meinem Tisch...?" ein Bericht, in dem es um den Rausschmiß einer Gruppe junger Türken ging. Sie waren während der Veranstaltung "Aussicht auf Veränderung" auf dem Parkdeck des EZ Wilhelmsburg zu den Feiernden gestoßen. Das Kunst-Projekt wird kuratiert von Ute Vorkoeper und Andrea Knobloch, BetreiberInnen der "Akademie einer anderen Stadt". Der Autor des Artikels, Mariano Albrecht, war selber anwesend. Weder er noch Klaus Lübke (SPD) bemerkten irgendwelche Randale, die von den jungen Mänern ausging. Dem Wachmann, der für die Hinausbeförderung zuständig war, tat die Sache leid - er handelte auf Anweisung.
In der neuen Ausgabe des W.I.R. ist eine Gegendarstellung von Frau Vorkoeper und Frau Knobloch abgedruckt. Darin verwahren sie sich rigoros gegen jede Kritik und bringen eine "männliche" bzw. "weibliche Wahrnehmung" ins Spiel. Auch von Herrn Lübke ist eine Stellungnahme abgedruckt, außerdem von M.A. eine "Stellungnahme zur Gegendarstellung". Alle Statements sind sachbezogen, enthalten aber einige Spitzen und sind nicht frei von Polemik - kein Wunder! Bei einem Kunst-Event dabeizusein oder rausgeschmissen zu werden, berührt bei Jedem einen sensiblen Punkt. Ganz zu schweigen von der Tatsache, daß hier das Thema Integration von Migranten tangiert wird. Man sollte Menschen beim Wort nehmen. Und so frage auch ich mich, Herrn Lübke in seiner Argumentation folgend, welcher Ort mit dem grandiosen Titel "Akademie einer anderen Stadt" wohl gemeint ist Wilhelmsburg? Tatsächlich? ...
Ich lebe hier seit 24 Jahren und bin seit 1989 mit meinem Verein als Veranstalter von Lesungen, Ausstellungen, als Literat, Maler, Puppenspieler aktiv. 2009 erlebte ich eine große Ausstellung, die Frau V. und Frau K. organisiert wurde. Etliche KünstlerInnen unterschiedlicher Provenienz waren eingeladen. Die Präsentation lief unter dem Motto "Zeichen von Respekt". Ich war beeindruckt. Und schickte den beiden Damen eine mail mit der Anfrage zu einem Gespräch zwecks Austauschs und ggfs. Kooperation, in welcher Weise auch immer. Keine Antwort. Im Frühjahr wurde ich von der IBA zu einer Veranstaltung im Harburger Kunstverein eingeladen, bei der es um Kunst im Öffentlichen Raum ging. Dieses Thema interessiert mich brennend. Ich fragte die IBA, ob auch Redebeiträge aus dem Publikum möglich seien - und wurde an die "Akademie einer anderen Stadt" verwiesen. Wieder bekam ich keine Antwort. So unternahm ich an jenem Abend etwas anderes. Als bloßes Dekor, Platzfüller herzuhalten für endlose Redebeiträge - dazu ist meine Zeit zu knapp. Mich interessiert ein lebendiger, offener Dialog, und nicht jene Sorte Veranstaltungen, deren Verlauf vorprogrammiert ist, und wo Kritik, sei sie noch so berechtigt, als Querulantentum abgetan wird.
Die These von der "männlichen" bzw. "weiblichen Wahrnehmung" ist bestens geeignet, jede Kontroverse abzuwürgen. Genau darum geht es hier. Wer nicht offen diskutieren möchte oder kann, entzieht sich auf diese Weise der Gefahr, bei einem Fehler oder einer Schwäche ertappt zu werden. Das, was im soziokulturellen Bereich in Wilhelmsburg passiert, soll anders werden - deshalb der Hinweis auf die andere Stadt. Hinter dem Argument der geschlechtsspezifischen Wahrnehmung stecken Berührungsängste. So etwas ist menschlich und verdient Feingefühl. Nur: Es geht hier nicht um private Belange, sondern öffentliche Projekte. Ich frage mich, ob Kuratorinnen, die Gäste rausschmeißen lassen und nicht bereit sind, auf Anfragen zu antworten und Impulse von in diesem Stadtteil lebenden Künstlern aufzunehmen, geeignet sind, diesen zu verändern. Ich sehe in solchem Verhalten Anzeichen von mangelndem Respekt.
Der Rauswurf war ein Fehler - so etwas kann passieren. Jeder Mensch macht Fehler. Die nun in Gang gekommene Kontroverse zeigt aber, daß gewisse Leute offenbar nicht in der Lage sind, Fehler einzugestehen. Eine schlichte Entschuldigung für die falsche bzw. Über-Reaktion hätte gereicht, und niemand wäre auf Dauer gekränkt. Stattdessen wird die Sache verlagert auf eine mysteriöse "männliche" und "weibliche Wahrnehmung".
- Und wenn die Betroffenen nicht bereit sind, sich ein X für ein U vormachen zu lassen? - R.S.

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