Samstag, 30. Oktober 2010

Ausstellungskataloge - Arrabal


"Arrabal - der Lyriker und Künstler" ist der Titel eines Buchs mit Gedichten, Interviews, Porträts Arrabals (aus der Sicht anderer Künstler), farbigen Wiedergaben von Zeichnungen, Gemälden, Kooperationen mit anderen Künstlern, sowie einem Foto, das ihn 1995 mit Ernst Jünger und Jean Miotte zeigt. In der Einführung heißt es "Wenn die Annahme richtig ist, daß künstlerische Kraft und Kreativität aus den Tiefen persönlicher Verletzung kommen ... so ist Fernando Arrabal ein Lehrbuchbeispiel dafür. In all seinen Werken, den Dramen, den Drehbüchern, den Romanen und komprimiert in seiner Lyrik, geistern die Traumata seiner Jugend." Arrabal geht in seinem Werk immer an Grenzen, an seine und die ihm von der Gesellschaft aufgezwungenen, er war inhaftiert wegen Beleidigung der Religion und des Vaterlandes. Er publizierte nicht nur einen langen Brief an Franco, sondern legte sich auch mit Castro an. Ein Interviewer: "Irgendwo hast du einmal gesagt, Schreiben sei Verrat." Darauf Arrabal: "Es ist Frustration. Schreiben ist eine kompensatorische, masturbatorische, sich in der Nacht vollziehende Tätigkeit, die einen davon abhält, wahnsinnig zu werden." Und er sagt: "Ich wage es, dem Löwen auf den Schwanz zu treten, wohl wissend, daß das für mich an eine Art Selbstmord grenzt." A. präsentiert sich in der Ausstellung, die u.a. in der Hamburger Staatsbibliothek gezeigt wurde, als Poet, der seinen Künstlerfreunden Denkmäler setzt. Von einigen seiner bildnerischen Werke gibt es Mini-Auflagen, einige sind Unikate. isbn 3-928090-07-0 60 S., ca. 23 x 23 cm 15 € R.S.

Freitag, 29. Oktober 2010

Bücher - Eine Ohrfeige dem öffentlichen Geschmack


"Eine Ohrfeige dem öffentlichen Geschmack - Russische Futuristen" ist sehr fein gemachtes Buch, das 2001 in der edition nautilus erschien. Was einem bisher als nebulöse Vorstellung vorschwebte: Da war doch was mit revolutionären Künstlern? ... kann man hier im Wortlaut nachlesen. Was für eine Gegenwelt zu unseren zahlreichen kleinen Genies und mittelmäßigen Provokateuren, die die große Pose lieben und über Schaumschlägerei doch nicht hinauskommen. Chlebnikow, Majakowskij, Kruconych, Burljuk, Elena Guro, Olga Rozanova u.a. gehören zu den heraus-ragenden russischen Künstlern und DichterInnen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts, also noch vor der Oktober-Revolution, mit Lesungen, Ausstellungen, Experimenten und Manifesten, in denen sie ihre radikalen Ideen kompromißlos formulierten, in die Öffentlichkeit gingen. Sie erzeugten, gemeinsam mit den Arbeitern, Intellektuellen, Teilen der Bauernschaft wie des Bürgertums jene Situation, die zum Umsturz führte. Damals konnten sie nicht ahnen, daß der Massenmörder Stalin, in der pervertierten Nachfolge Lenins, einen bürokratischen Macht- und Terror-Apparat aufbauen würde, in dem Kunst und Poesie gemaßregelt und sie selber vom Staat nur als nützliche Werkzeuge der Propaganda bzw. Idioten angesehen werden würden. Es gibt in der Geschichte kaum vergleichbare Ansätze, die auf höchstem Niveau die bestehende Kunst und Literatur in Frage gestellt und zugleich die Entwicklung neuer Formen vorangetrieben haben. Was etwa zeitgleich im Dadaismus, später in der "Konkreten Poesie" und anderen experimentellen Tendenzen entstand, ist partiell bereits bei den russischen Futuristen zu finden. Der große Unterschied zu unserer Zeit: Es gab weder Computer noch andere Medien, mit deren Hilfe Verfremdungs-Effekte und abweichende Formen in Schriftbild und Sprache so spielerisch leicht hergestellt werden können, wie es heute üblich ist. "Eine Ohrfeige dem Öffentlichen Geschmack" enthält 16 Porträts und vor allem Manifeste, außerdem ein Quellenverzeichnis, ist reich bebildert und stellt somit ein hervorragendes Nachschlagewerk für alle dar, die sich mit der Kunst-Entwicklung der damaligen Zeit genauer befassen wollen. 100 S., isbn 3-89401-383-4 R.S.

Bücher - Kunst und Kultur in der Hafencity

Da war doch was - richtig! 2005 wurde mit großem Aufwand dafür geworben, an der künstlerischen Gestaltung des Hafencity-Geländes mitzuwirken. Aus 164 Projekten wurden seinerzeit 8 ausgewählt. Da mein Vorschlag: Installation von Gemälde-Drucken, die sich kritisch mit den palastähnlichen Bauten befassten, keinen Zuschlag bekam, entschied ich mich für die Mitwirkung an einem der geförderten Projekte, nämlich die Hafencity Universitas". Ich nahm an etlichen -so ziemlich allen- Veranstaltungen dieser ernstgemeinten Uni-Parodie teil, hielt sogar selber einen Vortrag: "Subversive künstlerische Tendenzen in der Massengesellschaft" (Russische Futuristen, Wiener Aktionismus, "Suversive Aktion"-Dieter Kunzelman, u.a.). Es gab auch ansonsten ein paar interessante Beiträge bzw. Projekte in der Hafencity. Ich erklomm den "Baltic Tower", spazierte über den "Steinernen Orient-Teppich", erwarb beim "Kunst-Imbiß" einen Pappteller, machte um die Lesebühne des "Hamburger Ziegel" einen Bogen, schaute mir Bild-Projektionen auf den Kaispeicher A an (wo heute die Elb-Philharmonie entsteht), rauchte hier eine Zigarette, trank dort ein Bier und übte mich in small-talk. * Ich war erstaunt, vor einiger Zeit das Buch "Kunst und Kultur in der Hafencity" in einem Schaufesnter zu sehen, und kaufte es. Noch mehr staunte ich, als ich darin ein Foto entdeckte, auf dem ich abgebildet war. Am meisten überraschte mich jedoch, daß mein Name nirgendwo erwähnt wird. Der "Chef" der HC-Universitas, Sebastian Niemann, hatte offenbar selbstherrlich entschieden, welche Bilder ausgewählt und welche KünstlerInnen mit Namen genannt wurden. In einem seriösen Unternehmen fragt man vor der Veröffentlichung eines Fotos, ob der/die Abgebildeten damit einverstanden sind. Ich fände es auch selbstverständlich, als Beteiligter ein Beleg-Exemplar zu erhalten. Bei Herrn Niemann gelten offenbar andere Regeln. * Ich blättere weiter in dem Buch: Höchst professionelle Aufmachung, jede Menge Abbildungen. Über die Vorworte kann ich nur sagen: Die übliche Schönrednerei. Was ist auch anderes zu erwarten von den Geschäftsführern bzw. Vorsitzenden der Hafencity GmbH und der Hamburgischen Kulturstiftung? Die interessieren sich aus Image- und Karriere-Gründen für Kunst und scheuen keine Gelder, um KünstlerInnen vor ihren Karren zu spannen, mit denen dann ssie elber und die Stadt Hamburg reüssieren können. * Ich vermute, daß für die beteiligten Künstler ein Frei-Exemplar des Buches heraussprang. Ansonsten: Ich hatte keinen Einblick in das Budget der "Hafencity Universitas" des Herrn Niemann, der 2005 meine Kontaktperson war. Es braucht nicht viel Phantasie, um sich auszumalen, weshalb Herr N. sich nicht in die Karten blicken ließ. * Erwähnen möchte ich noch einen "literarischen" Text aus dem Buch mit dem Titel "Der Verbrecher als Künstler". Den Namen des Autors verschweige ich - vielleicht gibt es von ihm auch überzeugende Texte. Mein Vorschlag für eine Neuauflage: Erstens besagtes Foto herausnehmen, zweitens den erwähnten Text umbenennen. Wie wäre es mit "Bauherren als Verbrecher"? Die Kosten für die Elb-Philharmonie explodierten von gut 70 auf über 350 Millionen Euro, mit schwerwiegenden Folgen nicht nur für das Schauspielhaus und das Altonaer Museum, mehr als 4000 Baumängel wurden bisher festgestellt - allein dies reicht zehnmal aus, um die Frage zu stellen, ob hier nicht auch kriminelle Machenschaften eine Rolle spielen. "Der Verbrecher als Künstler" - was für ein fader Literatur-Witz! * - Zurück zur "Hafencity Universitas" und Herrn Niemann. Er ist unter seiner alten Adresse nicht zu erreichen. Auch die Hrsg. des Buches konnten mir diesbezüglich nicht weiterhelfen. Aber vielleicht bringt mich dieser Blog einen Schritt weiter bei meiner recherche a Sebastian Niemann. Raimund Samson

Donnerstag, 28. Oktober 2010

Bücher - Hadayatullah Hübsch


Der Gedichtband "Tickets" erschien im Horlemann-Verlag. Hadayatullah Hübsch verfügt über immense Ressourcen, was Erlebnisse betrifft, und so greift er in die unsichtbare Kiste und wird stets fündig. Die "Tickets" lassen mich mitreisen auf Ausflügen voll Ironie, Humor und Anspielungen, manchmal listig, nie bösartig, auf Abstechern in die Welt der Literatur, des schnöden Alltags, raus aus dem Hier&Jetzt - und zugleich stets darin. Bei so viel Phantasie, zudem mit einem Fundus an Rock-Songs und Schlagern versehen, scheinen dem Autor Einfälle zuzufliegen wie Blätter im Herbstwald. Sehr farbig. Mit Leichtigkeit gezeichnet. Nie erlebte ich den Autor so humorig. Die Bürde des Rufs als "Underground"-Legende mit Kult-Status scheint ihm nichts anzuhaben - keine Spur davon, daß er abhebt oder sich in Eitelkeit sonnt. So reist er ohne Drogen, aber beseelt + inspiriert durch meine/deine Gedanken. Hier lebt einer in der realen und zugleich in virtuellen Welten, ohne auf Internet und modischen Schnickschnack angewiesen zu sein. Sehr unterhaltsam. isbn 978 389 5021 473, 10 €, ohne Erscheinungsjahr www.horleman-verlag.de *
Das Gemälde (nach einem Foto) entstand im letzten Jahr, als der Autor in meiner Werkstatt Texte las. R.S.

Mittwoch, 27. Oktober 2010

Bücher - Die Wiener Gruppe


1997 erschien das Buch erstmals, konnte auf der Biennale in Venedig käuflich erworben werden. Irgendwann kam der Schinken auch auf den Buchmarkt. Ich erwarb die kompakte Anthologie bzw. den Kunst-Katalog schließlich bei 2001, zu stark herabgesetztem Preis. "Die Wiener Gruppe - the visual works and the actions - a moment of modernity 1954-1960" wiegt wenigstens fünf Pfund -hier stehen Quantität und Qualität in ausgeglichenem Verhältnis! Der Band enthält neben Texten und Collagen auch zahlreiche Fotos von Friedrich Achleitner, H.C.Artmann, Konrad Bayer, Gerhard Rühm und Oswald Wiener sowie Personen aus dem Umfeld. Und eine CD mit Ausschnitten aus Lesungen, Interviews, frühen Filmen usw. Die österreichische Gruppe war in den 50-er Jahren mit Lesungen und literarischem Cabarett mit stark aktionistischen Elementen in die Öffentlichkeit gegangen. Ich war Fan seit 1969, als ich erstmals von der Gruppe hörte und Texte von ihr las - da existierte sie schon längst nicht mehr. H.C.Artmann bezweifelte, daß es überhaupt eine "Gruppe" gewesen sei. Die "Gruppe" sei eine Erfindung der Medien. Man habe sich nur in Kaffeehäusern getroffen und gegenseitig Texte vorgelesen. Das Kompendium enthält Werke, die größtenteils experimentellen Charakter haben, sprachkritisch sind und dabei durchaus unterhaltsam. - Egal ob echte Gruppe oder nur Ansätze dazu: Die 787 Seiten (ca. A4-Format) enthalten reichlich Material und laden ein zum Schmökern, Staunen, Lesen. * SpringerVerlag Wien/New York isbn 3-211-83021-9 R.S.

Bücher - Arrabal, Riten und Feste der Konfusion




Fernando Arrabal (* 1932) ist ein spanischer Dichter, Regisseur, Maler und Dramatiker, der in den 50-er Jahren vor allem durch seine Dramen ("absurdes Theater") bekannt wurde. 1955 verließ er nach Konflikten mit der Zensur sein Heimatland und siedelte nach Paris über. Sein Werk, zu dem u.a. sieben Spielfilme, hunderte von Gedichtbänden und etliche Romane gehören, wurde bisher nur teilweise ins Deutsche übersetzt. *
Eines meiner absoluten Lieblingsbücher ist seit den 70-er Jahren Arrabals "Riten und Feste der Konfusion". Es beschreibt in 36 Kapiteln, die ebenso vielen Labyrinthen entsprechen, eine neunmonatige Reise des Ich-Erzählers durch den Körper einer Riesin. Diese Reise ist geheimnisvoll und rätselhaft, bezaubernd und löst Irritation im Leser aus. Es wirft "Streiflichter seines barock ausschweifenden Seelen- und Traumlebens, die von symbolträchtigen, nach seinen Anweisungen gemalten Selbstbildnissen untermalt werden" (Klappentext". Das Buch ist so schwer fassbar (kategorisierbar) wie poetisch, die Erzählungen rühren an den inersten Kern des Menschseins. "Als Zeremonienmeister und Opfer seiner Phantasie schafft Arrabal einen neuen Surrealismus, der nicht in sinleere Wortartistik flüchtet, sondern Rituale unserer tieferen Existenz nachzeichnet" (Klappentext). Ich hüte das Buch wie einen Schatz und neige in Verehrung mein Haupt vor dem Meister. - Melzer-Verlag 1969 (antiquarisch erhältlich). - Die beigefügte Collage ist die Wiedergabe des Titelblatts, dem ich die Zeichnung eines Labyrinths hinzufügte. Das andere Bild ist eine Originalwiedergabe aus dem Buch. R.S.

Dienstag, 26. Oktober 2010

Biografien - Helmut Berger


Ich lehnte den Schauspieler früher grundwegs ab und ignorierte ihn, soweit dies möglich war: Als "Narziß", total eingebildet und abgehoben, Jet-Setter, als Darsteller nur anerkannt wegen seiner Schönheit ... Mein borniertes Links-Sein erlaubte mir nicht, über meinen moralin-gesäuerten Schatten zu springen. Heute lese ich das Buch mit Vergnügen und Bewunderung, bereits zum zweiten Mal. Berger geht noch einen Schritt weiter in seiner Selbst-Entblößung als Elfriede Jelinek in "Sturm und Zwang", er zelebriert sich geradezu dabei, ohne Tabus und rücksichtslos mit sich selber ins "Reine" zu kommen. Soweit dies überhaupt möglich ist. Natürlich spielt hier auch Eitelkeit eine Rolle - wie bei jedem Künstler, Schauspieler, Politiker, ev. Pastor, Bischof usw. Berger lebt sich aus, DARUM geht es. Das Buch-Motto "Die große Sehnsucht meines Lebens: ich will geliebt werden" klingt kitschig. Andererseits: Wenn es um Gefühle geht, geraten Äußerungen fast automatisch in die Kitsch-Zone. Ich bin auch deswegen von dem Buch fasziniert, weil ich hier Insider-Infomationen erhalte über eine Welt, die mir völlig verschlossen ist, den Jet-Set. Berger ist bzw. war mit unzähligen Größen der Upper-Class und obersten Schauspiel-Liga intim und befreundet, ob Elizabeth Taylor, Ursula Andress, Bianca Jagger, Rudolf Nurejew ... "Ich", so der Titel der Autobiografie, ist eine tolle Fundgrube für Voyeure und Sensationsgier. Ich werde hier, Seite für Seite, gut angefüttert. Und was sich hat der Typ nicht alles an Drogen und Stimulanzien reingezogen: Hasch, LSD, Ecstasy, Opium, Cocain, hektoliterweise Alkohol ... Obschon der Autor manches Klischee bedient, ragen seine Erinnerungen weit aus den Niederungen der yellow press heraus, durch Exzentrik und Ehrlichkeit - auch wenn man nicht unbedingt jedes Wort auf die Goldwaage legen sollte. Es geht um äußere Schönheit und viel Glitzerkram, viele Seiten um nichts anderes - der Autor (der gemeinsam mit Holde Heuer die Autobiografie verfasste) veranstaltet aber nicht den bekannten "Tanz ums Goldene Kalb". Berger tanzt zwar - aber aus der Reihe. Er weiß, daß am Ende anderes zählt. Liebe. Durch alle Exzesse, Eskapaden, eiserne Disziplin als Schauspieler hindurch zur Empfindung, geliebt zu werden? * Ich sah vor einigen Monaten den Mann im Fernsehen bei Gottschalk. Er schien nicht seinen besten Tag zu haben. * Ullstein-Verlag, isbn 3-548-35970-1 R.S.